In den letzten Jahren hatte ich fast täglich das Vergnügen, mit der S-Bahn nach Hamburg zu fahren. Die auffälligsten Mitreisenden waren dabei zwei Gruppen. Zum einen Mädels mit Mobiltelefon und zum anderen Kumpels.

Die Mädels fallen meist dadurch auf, dass sie, während sie sich über ihr Mobiltelefon mit ihren Müttern oder besten Freundinnen austauschen, die vertraulichsten Gesprächsthemen in größtmöglicher Öffentlichkeit darstellen.
„Ey, schwör, dass du’s nicht weitererzählst, die wollte nur mit ihm ins Bett, ich schwör dir, ey.“
Die besagten Mädels gehörten fast grundsätzlich einer sehr verschworenen Gemeinschaft an.

Die andere Gruppe, die Kumpels, unterhielten sich meist über ihre Musikkarriere rap-technischer Natur, ihre Arbeit oder aber über die oben beschriebenen Mädels. Und zwar über beide, also diejenige diesseits und diejenige jenseits des Mobilfunknetzes. Wobei es sich bei der einen durchaus auch um die Mutter der anderen handeln könnte, aber auch das schrieb ich ja bereits.

Nun, ich habe eben wieder Werbefernsehen geguckt und bei einem Spot für Becel-Margarine stutzen müssen. Das Zeug ist ja nun gut für mein Herzalter. Das sagt dann auch der Sprecher dort: „Für ein jüngeres Herzalter.“
Ich mit meiner S-Bahn-Vorschädigung verstehe aber immer nur: „Für ein jüngeres Herz, Alter!“

Die Eltern der Kumpels in der S-Bahn hatten nämlich nach einer Theorie von mir, nur zwei Namen für ihre Kinder zur Auswahl. Entweder „Digger“ oder eben „Alter“. Manch kreatives Elternpaar greift maximal noch zu einem Doppelnamen wie Digger-Alter oder Alter-Digger. So ein Gespräch unter Kumpels klingt dann ungefähr so:

„Ey Digger, du hast das voll raus mit den Rhymes, Digger. Ich brauch da immer voll lange für Digger.“ – „Jo, Alter ich weiß. Ich schreib grad’n Diss, ich weiß, der wird fett. Da hau ich noch’n paar Rhymes rein, die voll in die Fresse geh’n und dann komm ich damit groß raus, Alter.“ – „Ey Digger, wenn einer das packt, dann du, Digger. Wenn du mein Support brauchst, sag bescheid, Digger. Mein Segen hast du, Digger.“

Anschließend werden dann noch Zärtlichkeiten ausgetauscht, bei denen Faust und Finger kunstvoll aneinander gerieben werden. Da wollen wir uns jetzt auch schon  wieder ausblenden …

Und wenn man sowas dann über Jahre bewusst und unterbewusst hört, dann versteht man in der Margarine-Werbung eben auch „Für ein jüngeres Herz, Alter!“  Und will auf die Frage „Kennen Sie ihr Herzalter?“ am liebsten lauthals erwidern: „Na sicher, Digger!“
Toll ist ja dann auch die Gewohnheit der Werbetreibenden bei getrennt geschrieben Substantiven den Bindestrich wegzulassen. So steht dann auch tatsächlich: „Becel Herz Alter“ auf der Margarineschachtel.

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